Am 8. September 2026 hat die OECD den ersten Band der Ergebnisse von PISA 2025 veröffentlicht. In Deutschland bearbeiteten 6 659 Fünfzehnjährige an 246 Schulen die Aufgaben, stellvertretend für rund 717 900 Jugendliche dieses Alters. Sie kommen auf 486 Punkte in den Naturwissenschaften, 465 im Lesen und 464 in Mathematik, bei einem OECD-Durchschnitt von 482, 461 und 463. Laut OECD-Länderbericht hat PISA in Deutschland in keinem der drei Bereiche je niedrigere Werte gemessen.
Die Kultusministerkonferenz (KMK) weist darauf hin, dass PISA eine bundesweite Stichprobe zieht und keine Länderergebnisse liefert. Für einen Vergleich zwischen Bayern und Bremen bleibt der IQB-Bildungstrend.
Zehn Jahre Abwärtstrend
Im Lesen stieg der deutsche Mittelwert von 483 Punkten im Jahr 2000 auf 509 im Jahr 2015 und fiel seither auf 465, so der nationale Bericht des Zentrums für internationale Bildungsvergleichsstudien (ZIB) an der TU München. Die OECD berechnet für 2015 bis 2025 einen linearen Trend: minus 24 Punkte in den Naturwissenschaften, minus 44 im Lesen, minus 45 in Mathematik. Im Mittel von 35 OECD-Staaten lauten die Werte minus 7, minus 27 und minus 24. Die OECD setzt den Lernzuwachs eines Schuljahres grob bei 20 Punkten an, warnt aber vor starken Schwankungen zwischen Systemen.
Der Anteil der Jugendlichen unter Kompetenzstufe II im Lesen hat sich seit 2015 von 16 auf 32 Prozent verdoppelt, in Mathematik liegt er bei 34 Prozent. Rund ein Fünftel (20,7 Prozent, OECD 19,7) verfehlt die Stufe II in allen drei Bereichen.
Frühe Trennung, sechzehn Schulgesetze
Die Grundschule umfasst in fast allen Ländern die Klassen 1 bis 4, in Berlin und Brandenburg die Klassen 1 bis 6. Danach wechseln die Kinder in verschiedene Bildungsgänge (Eurydice). Traditionell waren das Hauptschule, Realschule und Gymnasium, in den meisten Ländern haben Schularten mit mehreren Bildungsgängen Haupt- und Realschule inzwischen abgelöst. Der ZIB-Bericht zählt, gestützt auf KMK-Angaben, 17 Schularten der Sekundarstufe in 16 Ländern. Über Ländergrenzen hinweg vergleichbar sind nur Gymnasium und Förderschule, und unter Gesamtschule verstehen die Länder Unterschiedliches.
In der PISA-Stichprobe besuchen 36 Prozent der Jugendlichen ein Gymnasium und 61 Prozent eine andere Schulart. In den Naturwissenschaften liegen die Gymnasiastinnen und Gymnasiasten mit 574 Punkten 128 Punkte vor den übrigen, 2015 waren es 109 Punkte. An nicht-gymnasialen Schularten verfehlen 47 Prozent in Mathematik die Stufe II, im Jahr 2003 waren es 17 Prozent. Die Autorinnen und Autoren warnen davor, diese Abstände als Wirkung der Schulart zu lesen, weil sie auch die Auswahl beim Übergang abbilden.
Terrin und Triventi (2023) haben in einer Meta-Analyse 53 Analysen aus den Jahren 2000 bis 2021 zusammengefasst, die das Sortieren nach Schulformen oder Leistungsklassen untersuchen. Auf das mittlere Leistungsniveau finden sie keinen signifikanten Effekt (Hedges’ g = -0,06). Die Ungleichheit, gemessen als Streuung der Leistungen oder als Gewicht der Herkunft, vergrößert sich dagegen signifikant (g = 0,12). Evidenzniveau: Meta-Analyse über Studien mit sehr unterschiedlichen Designs, ihr Mittelwert beschreibt kein einzelnes Land.
Soziale Herkunft: höchster Wert der Messreihe
Jugendliche aus dem oberen Viertel des sozioökonomischen PISA-Index liegen in den Naturwissenschaften 125 Punkte vor denen aus dem unteren Viertel, im OECD-Mittel sind es 85. Der ZIB-Bericht zeichnet die Entwicklung nach: 111 Punkte im Jahr 2006, 104 im Jahr 2015, danach ein Anstieg auf 125. Im OECD-Durchschnitt schrumpfte der Abstand im selben Zeitraum von 92 auf 85 Punkte. Seit 2015 haben in Deutschland laut OECD die benachteiligten Jugendlichen Punkte verloren, die begünstigten blieben stabil.
Der sozioökonomische Status erklärt hierzulande 19 Prozent der Leistungsunterschiede in den Naturwissenschaften, im OECD-Mittel 12 Prozent. Hohe Kompetenzen erwerben laut ZIB nur 2 Prozent der Jugendlichen aus benachteiligten Familien, aber rund 25 Prozent der Jugendlichen aus privilegierten.
Zuwanderung und Familiensprache
29 Prozent der Fünfzehnjährigen in Deutschland haben einen Zuwanderungshintergrund, gegenüber 14 Prozent im OECD- und 16 Prozent im EU-Mittel. Jugendliche ohne Zuwanderungshintergrund erreichen 521 Punkte in den Naturwissenschaften. Die zweite Generation liegt 57 Punkte darunter. Jugendliche, die selbst zugewandert sind, liegen 98 Punkte (Zuzug vor dem elften Lebensjahr) oder 129 Punkte (späterer Zuzug) zurück. Im OECD-Mittel betragen die Abstände 35, 49 und 72 Punkte.
Berücksichtigt das ZIB, ob zu Hause überwiegend Deutsch gesprochen wird, schrumpfen die Abstände auf 37, 63 und 89 Punkte und bleiben signifikant. In einem gemeinsamen Modell mit Geschlecht und Zuwanderung erweist sich die soziale Herkunft als wichtigster Faktor. Das ZIB-Team empfiehlt frühe Diagnostik und verbindliche Sprachförderung schon vor der Einschulung.
Die Grenzen solcher Förderung beschreiben Marulis und Neuman (2010). Ihre Meta-Analyse über 67 Studien zur Wortschatzförderung in Vorschule und Kindergarten ergibt im Mittel einen Zuwachs von fast einer Standardabweichung (d = 0,88). Kinder, die zugleich als gefährdet galten und arm waren, profitierten weniger als gefährdete Kinder aus Familien mit mittlerem oder höherem Einkommen. Nach Einschätzung der Autorinnen reichen solche Programme nicht aus, um den Rückstand aufzuholen. Evidenzniveau: Meta-Analyse von Interventionsstudien, deren Effekte mit standardisierten Tests kleiner ausfielen als mit selbst entwickelten Messinstrumenten.
Österreich, Estland, Niederlande
Österreich trennt wie Deutschland nach der vierten Klasse, mit zehn Jahren wechseln die Kinder in die Mittelschule oder in die allgemeinbildende höhere Schule. Das Land erreicht 497 Punkte in den Naturwissenschaften, 467 im Lesen und 477 in Mathematik, der Anteil mit Zuwanderungshintergrund liegt mit 27 Prozent nahe am deutschen Wert. Der Abstand zwischen oberem und unterem Herkunftsviertel beträgt 98 Punkte, der Status erklärt 14 Prozent der Leistungsunterschiede. Der Zehnjahrestrend lautet plus 2, minus 17 und minus 21 Punkte.
In Estland lernen alle Kinder in der Basisschule (põhikool) von Klasse 1 bis 9 gemeinsam. Mit 527, 499 und 508 Punkten gehört das Land zur europäischen Spitze. Der Herkunftsabstand liegt bei 68 Punkten, der Status erklärt 9,6 Prozent der Unterschiede. Auch Estland verliert, im Zehnjahrestrend 8 Punkte in den Naturwissenschaften, 21 im Lesen und 15 in Mathematik.
Niederländische Kinder wechseln nach acht Grundschuljahren mit zwölf in einen von mehreren Zweigen der Sekundarstufe. Das Land kommt auf 485, 441 und 483 Punkte bei einem Herkunftsabstand von 105 Punkten. Im Lesen liegt sein Zehnjahrestrend bei minus 62. Die OECD mahnt hier zur Vorsicht, weil die Niederlande nicht alle Stichprobenstandards erfüllt haben.
Eine Regel ergibt sich daraus nicht. Österreich sortiert so früh wie Deutschland und zeigt einen schwächeren Herkunftszusammenhang und einen flacheren Trend in den Naturwissenschaften. Die Niederlande trennen zwei Jahre später und verlieren im Lesen mehr als Deutschland. Estland verbindet eine lange gemeinsame Schulzeit mit hohen Werten und schwacher Herkunftsbindung. Ob die Schulstruktur dafür verantwortlich ist, kann PISA nicht klären.
Grenzen der Studie
PISA zieht in jeder Runde eine neue Stichprobe. Die Daten zeigen Zusammenhänge zwischen Ländern und Schülergruppen, keine Ursachen. Die OECD bietet selbst keine einfache Erklärung für den Rückgang an und nennt Hypothesen, die sich ergänzen: verändertes Leseverhalten, intensivere Nutzung digitaler Geräte, höhere Fehlzeiten, weniger Unterstützung durch die Familie und Nachwirkungen der Pandemie.
Was Bund und Länder vorhaben
Bund und Länder verweisen auf das Startchancen-Programm für Schulen in schwieriger sozialer Lage, auf Verfahren, die Förderbedarf schon vor der Einschulung erkennen sollen, und auf das Mathematikprogramm QuaMath. Das ZIB rät zusätzlich, Lernstände mit kurzen, regelmäßigen Tests zu verfolgen und Schulen nach Bedarf auszustatten. Kingston und Nash (2011) fanden unter mehr als 300 Studien zur formativen Leistungsbeurteilung nur 13 mit auswertbaren Daten und berechneten einen mittleren Effekt von 0,20. Evidenzniveau: Meta-Analyse auf schmaler Datenbasis. Eine Schule, die Lernstände regelmäßig erhebt und den Unterricht danach ausrichtet, kann nach diesem Befund mit messbaren, aber moderaten Zuwächsen rechnen.
Quellen
- OECD (2026), PISA 2025 Results (Volume I): Future-Ready Students, OECD Publishing, Paris. doi.org/10.1787/73451bc5-en (PDF)
- OECD (2026), PISA 2025 Results (Volume I), Country Notes: Germany. PDF
- Greiff, S., Diedrich, J., Kastorff, T., Goldhammer, F. und Köller, O. (Hrsg.) (2026). PISA 2025. Bildung im Spannungsfeld von Innovation und Transformation. Münster: Waxmann. doi.org/10.31244/9783818852009 (PDF)
- ZIB/TUM (2026), Pressemitteilung PISA-Ergebnisse auf neuem Tiefstand, 8.9.2026. PDF
- KMK und BMBFSFJ (2026), PISA 2025 zeigt deutlich: Basiskompetenzen stärken, Bildungschancen verbessern, 8.9.2026. kmk.org
- Eurydice, Germany: Overview. eurydice.eacea.ec.europa.eu
- Eurydice, Austria: Overview. eurydice.eacea.ec.europa.eu
- Eurydice, Estonia: Overview. eurydice.eacea.ec.europa.eu
- Eurydice, Netherlands: Overview. eurydice.eacea.ec.europa.eu
- Terrin, É. und Triventi, M. (2023). The Effect of School Tracking on Student Achievement and Inequality: A Meta-Analysis. Review of Educational Research, 93(2), 236-274. doi.org/10.3102/00346543221100850
- Marulis, L. M. und Neuman, S. B. (2010). The Effects of Vocabulary Intervention on Young Children’s Word Learning. Review of Educational Research, 80(3), 300-335. doi.org/10.3102/0034654310377087
- Kingston, N. und Nash, B. (2011). Formative Assessment: A Meta-Analysis and a Call for Research. Educational Measurement: Issues and Practice, 30(4), 28-37. doi.org/10.1111/j.1745-3992.2011.00220.x